Der Antreiber, der als Erstes den Platz betritt
Sabine kommt zu spät. Wieder einmal. Noch bevor sie die Tür ihres Autos hinter sich schliesst, entschuldigt sie sich – für den Stau, für die Kinder, für den ganzen Tag, der schon schiefgelaufen ist, bevor er richtig begonnen hat.
Gemeinsam gehen wir zum Reitplatz wo der spanische Wallach Fuego steht und sie beobachtet. Nicht unfreundlich. Nur sehr genau.
Sabine strafft die Schultern, richtet ihre Jacke, setzt ein Lächeln auf, das sie sich selbst verordnet hat – und geht mit einem Tempo auf ihn zu, das keinen Widerspruch duldet. «Ich schaffe das schon», sagt sie. Mehr zu sich selbst als zu mir.
Der Wallach weicht einen Schritt zurück.
Genau in diesem Moment beginnt die eigentliche Arbeit.
Was hier auf dem Platz sichtbar wird, kennst du vielleicht auch aus deinem eigenen Alltag. Es sind die inneren Antreiber – jene leisen, meist schon in der Kindheit geprägten Stimmen, die uns sagen: Streng dich an. Sei perfekt. Mach schnell. Sei stark. Mach es allen recht.
Sie waren einmal überlebenswichtig. Sie haben uns Anerkennung gesichert, Konflikte vermieden, Sicherheit geschaffen. Und irgendwann haben sie die Führung übernommen – so selbstverständlich, dass wir sie kaum mehr als das erkennen, was sie sind: Anteile von uns. Nicht wir selbst.
Ein Pferd unterscheidet sofort zwischen der Frau, die wirklich da ist, und der Frau, die gerade funktioniert.
Wenn Sabine aus ihrem Antreiber heraus handelt – schnell, kontrolliert, freundlich auf Bestellung –, spürt der Wallach eine Anspannung, die keine echte Verbindung zulässt. Er zieht sich zurück. Nicht aus Ablehnung. Aus Ehrlichkeit.
Erst als Sabine stehen bleibt. Als sie merkt, wie sehr sich ihr Kiefer zusammenzieht, wie flach ihr Atem geworden ist. Als sie sich erlaubt, einfach nur anzukommen – ohne Programm, ohne Leistung –, verändert sich etwas im Raum.
Der Wallach senkt den Kopf. Macht einen Schritt auf sie zu.
Das ist der Moment, für den ich diese Arbeit liebe: wenn ein Mensch merkt, dass er seinen Antreiber nicht loswerden muss, um sich selbst zu begegnen. Es reicht, ihn zu erkennen. Kurz innezuhalten. Und dann die Wahl zu haben, wie er antworten will.
Vielleicht erkennst du dich in Sabine wieder. Vielleicht ist es dein eigener Antreiber, der heute Morgen schon vor dir aus dem Haus gegangen ist.
Das Pferd würde es sofort merken.
Mehr über pferdegestütztes Coaching und die Ausbildung zum ISB-Coach findest du auf www.integralhorse.ch.
#pferdegestütztecoachingausbildung
